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Eine Energiegenossenschaft im Hochsauerland — Werkporträt
380 Mitglieder, 8 GWh Jahresproduktion, 2,5 Prozent Mitgliederrendite — eine typische deutsche Energiegenossenschaft zwischen Dorfgemeinschaftsdach und Bürgerwind-Beteiligung. Wir lesen die DGRV-Daten vor dem Hintergrund einer einzelnen Bilanz.
Wir nennen sie in diesem Porträt „Energiegenossenschaft Hochsauerland eG”, weil wir mit den realen Größenordnungen einer typischen deutschen Bürgerenergie-Gesellschaft arbeiten wollen, ohne einzelne reale Genossenschaften für unsere Verallgemeinerungen in Haftung zu nehmen. Die Daten, die wir hier ausbreiten, sind aus den Geschäftsberichten und Bilanzen, die wir in der DGRV-Jahresumfrage 2025 und in den öffentlich zugänglichen Berichten von circa 40 mittelständischen Energiegenossenschaften für 2024 und 2025 gefunden haben, in einer plausiblen Konfiguration zusammengeführt. So entsteht ein Werkporträt, das stimmig ist, ohne ein konkretes Vorbild zu spiegeln.
Die fiktive Genossenschaft wurde 2014 gegründet, im Aufschwung der zweiten Bürgerenergie-Welle nach der EEG-Reform 2012. Sie hat heute 380 Mitglieder, fast alle wohnhaft im Hochsauerlandkreis oder in den angrenzenden Gemeinden. Der durchschnittliche Geschäftsanteil liegt bei rund 1.800 Euro; das Mindestmaß sind 500 Euro, das Höchstmaß sind 7.500 Euro pro natürliche Person. Eine Erwerbsschwelle, die in der Satzung deshalb so gewählt wurde, weil die Genossenschaft die Beteiligung sozial breit halten wollte, nicht als Anlageprodukt für wenige Großzeichner. Die Bilanzsumme liegt bei circa 6,8 Millionen Euro.
Anlagenportfolio und Geschäftsmodell
Was die Genossenschaft betreibt, ist eine Mischung aus vier Bausteinen, die in der DGRV-Auswertung als typische Konfiguration für die mittlere Größenordnung sichtbar ist. Erstens vier PV-Aufdach-Anlagen mit zusammen rund 1,1 MWp installierter Leistung, die auf einem Dorfgemeinschaftshaus, einer Grundschule, einer Lagerhalle und dem Vereinsheim eines Sportvereins betrieben werden — alles über Dachpachtverträge mit Laufzeiten zwischen 18 und 25 Jahren. Zweitens eine Bürgerwind-Beteiligung von 10 Prozent an einem 4,2-MW-Wind-Park mit zwei Anlagen, die 2022 ans Netz gegangen sind und in einer Personengesellschaft betrieben werden, in der die Genossenschaft Kommanditistin ist. Drittens eine kleine Wasserkraft-Beteiligung an einer kommunalen Anlage (knapp 90 kW), eher symbolisch als finanziell relevant. Viertens eine Wärmenetz-Beteiligung: die Genossenschaft hält 15 Prozent an einer kommunalen Nahwärme-Versorgung, die rund 60 Haushalte über eine Hackschnitzel-Heizzentrale und eine Solarthermie-Anlage versorgt.
Die Jahresproduktion aus diesen Bausteinen liegt im Geschäftsjahr 2025 in der Größenordnung von 8 GWh, davon etwa 60 Prozent aus dem anteiligen Windertrag, 35 Prozent aus den PV-Aufdach-Anlagen, der Rest aus Wasser und der bilanziellen Zurechnung des Wärmenetzes. Vermarktet wird der Strom überwiegend über die EEG-Marktprämie in Direktvermarktung; die zwei ältesten PV-Anlagen haben noch die feste Einspeisevergütung des EEG 2012, die in einigen Jahren ausläuft. Die durchschnittliche Erlösebene für 2025 lag — Größenordnung — bei rund 9 ct/kWh netto. Nach Abzug von Pacht, Versicherung, Wartung, Verwaltung und Zinsdienst auf die KfW-Finanzierungen bleibt ein Jahresüberschuss von circa 165.000 Euro, aus dem die Mitgliederdividende von 2,5 Prozent (auf das gezeichnete Geschäftsguthaben) sowie eine Reservenzuführung bedient werden.
Die soziale Seite — Genossenschaft als Vereinsleben
Was in den Bilanzen nicht zu lesen ist, aber in jedem Porträt einer funktionierenden Energiegenossenschaft auftaucht, ist das, was deutsche Vereinskultur „Vereinsleben” nennen würde. Die Genossenschaft hält zwei ordentliche Mitgliederversammlungen pro Jahr, eine im Frühjahr für den Jahresabschluss, eine im Herbst für Strategie und Ausblick. Beide Versammlungen werden im Saal des Dorfgemeinschaftshauses abgehalten, das nebenbei eine der ersten PV-Anlagen der Genossenschaft trägt. Der Vorstand ist ehrenamtlich, der dreiköpfige Aufsichtsrat ebenfalls; eine teilzeitlich angestellte Geschäftsführerin (rund 30 Stunden pro Woche) verwaltet das laufende Geschäft. Die Geschäftsstelle ist ein zweimal wöchentlich geöffnetes Büro im Rathaus einer der beteiligten Gemeinden, die die Räume kostenfrei stellt.
Aus dem Bildungs-Etat von rund 12.000 Euro pro Jahr finanziert die Genossenschaft drei Schul-PV-Anlagen-Patenschaften — kleine Demonstrationsanlagen auf Schuldächern, deren Stromerträge die Schule sehen kann und an deren Wartungs-Tagen ein technischer Beirat aus dem Genossenschafts-Mitgliederkreis mit Schülern arbeitet. Das ist kein Pflichtprogramm, es bringt der Genossenschaft auch keine Rendite. Es ist die Art von Beziehungsarbeit, die einen relevanten Teil dessen ausmacht, warum die Akzeptanz von Bürgerenergie-Projekten in den Kommunen, in denen Genossenschaften aktiv sind, messbar höher liegt als in vergleichbaren Kommunen mit auswärtigen Großinvestoren. Die Wertschöpfung bleibt im Ort, die Entscheidungen werden im Ort getroffen, und die Genossenschaftsversammlung ist ein Ort, an dem die Mitglieder dem Vorstand auch unbequeme Fragen stellen können — was sie regelmäßig tun.
| Bürgerenergie Deutschland | Größenordnung 2025 |
|---|---|
| Energiegenossenschaften gesamt (DGRV) | ~850 |
| Mitglieder bundesweit | ~220.000 |
| Investitionsvolumen kumuliert | ~3,7 Mrd. € |
| Installierte EE-Leistung in Bürgerhand | ~3,5 GW |
| Durchschnittliche Mitgliederzahl je eG | ~260 |
| Durchschnittsdividende 2024 | ~2,2 % |
Daten aus dem DGRV-Jahresbericht 2025 und der Bürgerenergie-Umfrage Trend:Research (Größenordnungen).
Die übergreifende politische Frage, die für 2026 und 2027 zur Entscheidung ansteht, ist, ob die EEG-Novelle (siehe unsere Analyse in dieser Ausgabe) die Schwellenwerte für Bürgerenergie-Beteiligung tatsächlich so anhebt, wie der Diskussionsentwurf andeutet. Eine Anhebung der Wind-onshore-Schwelle für die Auktions-Ausnahme von 18 auf 24 MW würde unserer fiktiven Hochsauerland-Genossenschaft erlauben, an einem zweiten, größeren Wind-Park direkt einzusteigen, ohne sich einem auktionsbasierten Verfahren stellen zu müssen, in dem sie gegen institutionelle Investoren mit anderen Kapitalkosten chancenlos antritt. Wenn diese Anhebung kommt, werden wir 2027 vermutlich eine neue Welle von Genossenschafts-Gründungen und -Erweiterungen sehen. Wenn sie nicht kommt, wird die Anzahl der aktiven Energiegenossenschaften vermutlich stagnieren — die rund 850, die der DGRV heute zählt, bleiben dann ein bemerkenswerter, aber kein wachsender Teil der deutschen Energie-Landschaft. Welche der beiden Lesarten zur Realität wird, entscheidet sich, wenn der Bundestag im dritten Quartal über den Novellen-Entwurf abstimmt.